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Stephan Reusse   Köln 2026

Was bleibt?

Was bleibt von einem Gegenstand, wenn ihm seine vertraute Erscheinung genommen wird?
Eine Form erscheint.
Ich weiß, was sie ist.
Eine Vase.
Und im selben Augenblick beginnt diese Gewissheit zu schwanken.
Die Thermografie nimmt dem Gegenstand vieles von dem, woran ich ihn gewöhnlich erkenne. Seine Oberfläche verschwindet. Sein Material lässt sich kaum bestimmen. Farbe im vertrauten Sinn gibt es nicht mehr. Gebrauchsspuren, Glasur, Reflexe – all das, was diese eine Vase von einer anderen unterscheidet, tritt zurück.
Trotzdem sehe ich eine Vase.
Warum?
Eine Öffnung genügt.
Eine Rundung.
Ein Verhältnis von Innen und Außen.
Offenbar braucht ein Gegenstand erstaunlich wenig, um erkannt zu werden.
Aber je länger ich ihn betrachte, desto weniger selbstverständlich wird sein Name.
Die Vase wird zu einem Körper.
Der Körper zu einer Form.
Die Form könnte plötzlich etwas anderes sein.
Der Maßstab geht verloren. Eine Rundung kann Gefäß, Körper oder Landschaft werden. Eine Linie wird zum Horizont. Eine Öffnung kann Tiefe bedeuten, ohne dass ich weiß, wie tief sie ist.
Der Gegenstand beginnt sich von seiner Funktion zu lösen.
Das interessiert mich.
Nicht, weil ich verbergen möchte, was dargestellt ist. Es geht mir nicht um ein Rätsel.
Mich interessiert der Punkt, an dem Erkennen noch funktioniert, obwohl fast alles verschwunden ist, worauf dieses Erkennen normalerweise beruht.
Wie wenig braucht ein Ding, um seinen Namen zu behalten?
Und wann verliert es ihn?
Bei der Bowl geschieht etwas Ähnliches.
Ich weiß, dass ich eine Schale sehe. Gleichzeitig beginnt die Form, sich meiner Gewissheit zu entziehen. Sie besitzt Volumen, Grenze und Öffnung, aber sie lässt sich nicht mehr eindeutig in einen Raum einordnen.
Sie könnte klein sein.
Oder groß.
Sie könnte auf einer Fläche stehen.
Oder schweben.
Das Bild liefert mir nicht genügend Informationen, um diese Fragen zu entscheiden.
Dadurch wird Bedeutung beweglich.
Ich beginne zu bemerken, wie viel ich selbst zum Gegenstand hinzufüge.
Ich sehe nicht nur, was vor mir ist. Ich vervollständige. Ich vergleiche. Ich erkenne eine Form und gebe ihr einen Namen.
Vase.
Schale.
Für einen Moment beruhigt der Name das Sehen.


Vase 2026, aus „Leaving Shadows“  (thermograf.Aufn.)

Dann beginnt es wieder.
Was sehe ich eigentlich, bevor ich weiß, was es ist?
Eine Grenze.
Eine Helligkeit.
Eine Öffnung.
Eine Verdichtung.
Einen Körper im Raum.
Oder nur eine Form auf einer Fläche?
Die Thermografie beantwortet diese Fragen nicht.
Gerade deshalb interessiert sie mich.
Sie nimmt dem Gegenstand seine Selbstverständlichkeit, ohne ihn vollständig aufzulösen.
Er bleibt erkennbar und wird zugleich fremd.
Was bleibt, ist deshalb nicht die Erinnerung an einen Gegenstand.
Es ist weniger.
Und zugleich mehr.
Eine Form, die gerade noch einen Namen trägt.
Und ein Blick, der für einen Augenblick nicht sicher sein kann, ob dieser Name genügt.


Bowl / Leaving Space 2026, aus „Leaving Shadows“  (thermograf.Aufn.)

S.R. 2026

 

 

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