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Stephan Reusse   Köln 2026

Was bleibt?

Was bleibt von einem Gegenstand, wenn ihm seine vertraute Erscheinung genommen wird? Behält er seine Bedeutung, oder verändert sie sich mit der Art, wie er uns erscheint?
Eine Vase bleibt zunächst eine Vase. Wir erkennen ihre Form und verbinden sie mit einer Funktion, einem Material und einer bestimmten Vorstellung. Aber was geschieht, wenn Farbe, Materialität und Oberfläche nicht mehr sichtbar sind und nur noch eine reduzierte Form wahrgenommen wird?
Wie viel seiner Erscheinung müssen wir einem Gegenstand nehmen, bis etwas wie eine perfekte Form zurückbleibt – eine Form, die sich nicht mehr auf den konkreten Gegenstand bezieht, sondern auf eine Vorstellung, die sich in unserer Erinnerung manifestiert?
Vielleicht erkennen wir dann nicht mehr diese eine Vase, sondern eine allgemeine Vorstellung von Vase. Der individuelle Gegenstand tritt zurück und eine Form wird sichtbar, die uns vertraut erscheint, obwohl wir sie keinem bestimmten Gegenstand zuordnen können.
Damit stellt sich die Frage, worauf unser Erkennen eigentlich beruht. Wie viele Informationen benötigen wir, um einen Gegenstand zu identifizieren? Und ab welchem Punkt beginnt sich seine Bedeutung zu verändern?


Vase 2026, aus „Leaving Shadows“  (thermograf.Aufn.)

Eine Öffnung kann genügen, um eine Form als Gefäß zu erkennen. Eine Rundung kann an einen Körper, ein Ei oder ein Organ erinnern. Eine horizontale Form kann gleichzeitig Schale und Horizont sein. Je weniger Informationen vorhanden sind, desto größer scheint der Raum möglicher Bedeutungen zu werden.
Der Verlust von Information führt damit nicht zwangsläufig zu einem Verlust von Bedeutung. Möglicherweise geschieht sogar das Gegenteil. Indem der konkrete Gegenstand zurücktritt, treten andere Bilder und Erinnerungen hervor.
Bedeutung wäre dann keine feste Eigenschaft des Gegenstandes. Sie entsteht im Verhältnis zwischen dem, was vor uns erscheint, dem, was wir bereits kennen, und dem, was wir erinnern.
Auch die Grenze eines Gegenstandes wird dadurch fraglich. Solange er sich deutlich von seiner Umgebung unterscheidet, nehmen wir ihn als eigenständigen Körper wahr. Verliert sich diese Differenz, verändert sich auch seine Erscheinung. Der Gegenstand selbst kann weiterhin vorhanden sein, während das Bild, das ihn für uns sichtbar gemacht hat, verschwindet.
Anwesenheit und Sichtbarkeit sind also nicht notwendigerweise identisch.
Vielleicht liegt darin auch ein grundsätzliches Verhältnis zwischen Gegenstand und Bild. Ein Bild kann einen Gegenstand sichtbar machen, aber es kann ihm gleichzeitig Eigenschaften entziehen. Gerade durch diesen Entzug kann eine andere Form von Wahrnehmung entstehen.
Die Frage wäre dann nicht nur, was wir sehen, sondern auch, wie wenig wir sehen müssen, um etwas zu erkennen – und wann aus dem Gegenstand eine Vorstellung wird.


Bowl / Leaving Space 2026, aus „Leaving Shadows“  (thermograf.Aufn.)

S.R. 2026

 

 

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