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Stephan Reusse    Köln Juli 2026

Wie Bilder Erinnerungen werden

Rückblick auf meine Arbeiten aus den frühen 1980er-Jahren

Wenn ich heute auf meine Arbeiten seit Beginn der 1980er-Jahre zurückblicke, erkenne ich einen Zusammenhang, der mir damals eher intuitiv als theoretisch bewusst war. Rückblickend scheinen die äußerlich so unterschiedlichen Werkgruppen – von den chemischen Bildprozessen über die Blind-Performances, Safari-Aktionen und die Collaborations bis zu den thermografischen Arbeiten und späteren Lichtarbeiten – letztlich alle um dieselbe Frage zu kreisen: Wie entstehen Bilder, und wodurch werden sie Teil unserer Erinnerung?

Mich interessierte nie ausschließlich das fertige fotografische Bild. Vielmehr beschäftigte mich der Prozess seiner Entstehung – materiell, zeitlich und später zunehmend auch sozial. Das Bild war für mich nie nur ein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein Ereignis, das sich verändert, verschwindet, wieder erscheint und erst durch Wahrnehmung Bedeutung erhält.

Anfang der 1980er-Jahre begann ich gemeinsam mit Chemikern Verfahren zu entwickeln, bei denen bereits entwickelte Fotografien zunächst wieder unsichtbar gemacht und später erneut sichtbar werden konnten. Mich faszinierte die Vorstellung, dass ein Bild keinen endgültigen Zustand besitzt. Es konnte verschwinden und dennoch weiterhin vorhanden sein – gleichsam als latente Erinnerung, die erst durch einen erneuten Prozess wieder sichtbar wurde.

 aus “the Cultural Memory of Photography”, 1982

Aus diesen Untersuchungen entstanden 1982 öffentliche Performances, in denen Fotografien blinder Menschen in einem langsamen chemischen Prozess vor den Augen des Publikums sichtbar wurden. Begleitet wurden diese Aktionen von tibetanischen Gesängen. Mir ging es dabei nie um Spiritualität im engeren Sinn. Die Gesänge veränderten vielmehr den Rhythmus der Wahrnehmung. Sie verlangsamten den Blick und machten aus dem Entstehen eines Bildes einen kontemplativen Vorgang.

Ursprünglich hatte ich selbst blinde Menschen fotografiert und sie mit einem Selbstauslöser ihre eigenen Porträts aufnehmen lassen. Die daraus entstehenden Gespräche führten jedoch sehr schnell in soziale und politische Fragestellungen. Obwohl mich diese Diskussionen interessierten, suchte ich nach einer grundsätzlicheren Ebene.

Deshalb entschied ich mich bewusst dafür, nicht mehr eigene Fotografien zu verwenden, sondern ikonische Aufnahmen blinder Menschen aus der Geschichte der Fotografie. Mich interessierten Bilder, die bereits Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses geworden waren. Es ging mir nicht darum, berühmte Fotografen zu zitieren oder ihnen eine Hommage zu widmen. Mich interessierte vielmehr die Frage, warum bestimmte Bilder über Jahrzehnte erinnert werden, während unzählige andere verschwinden.

Indem diese Fotografien zunächst unsichtbar wurden und sich anschließend langsam wieder aus einer weißen Fläche entwickelten, schien sich auch die Geschichte der Fotografie selbst noch einmal zu ereignen. Das kulturelle Gedächtnis erschien mir nie als etwas Festes oder Abgeschlossenes. Es musste immer wieder neu hervorgebracht werden.

Ein weiterer Aspekt beschäftigte mich ebenso stark. Die dargestellten Blinden erwiderten den Blick der Betrachter nicht. Dadurch entstand eine eigentümliche Irritation. Beim Betrachten der langsam erscheinenden Gesichter fiel die wechselseitige Beziehung des Sehens weg. Viele Besucher berichteten später, dass sie sich plötzlich dabei ertappten, zu einer Art Voyeur zu werden. Nicht die Blindheit der Dargestellten stand im Mittelpunkt, sondern die Frage, was geschieht, wenn der Blick nicht mehr beantwortet wird. Das Sehen selbst wurde zum Thema der Arbeit.

Gleichzeitig beobachtete ich bereits Anfang der 1980er-Jahre die zunehmende Flut privater Fotografien. Die Verbreitung preiswerter Pocketkameras führte dazu, dass immer mehr Bilder produziert und archiviert wurden. Mich interessierte jedoch weniger die Produktion weiterer Fotografien als die Frage, wodurch einzelne Bilder Bedeutung gewinnen. Warum erinnern wir uns an bestimmte Bilder? Wodurch werden sie Teil unserer kulturellen Erinnerung?

Diese Fragen begleiteten auch meine späteren Arbeiten. In den Safari-Aktionen wurde die Entwicklung des Bildes selbst zur öffentlichen Handlung. Das Bild entstand nicht allein durch den fotografischen Akt, sondern durch Zeit, Material und körperliche Arbeit. Die Fotografie dokumentierte keine Performance – ihre Entwicklung war die Performance.

 Performance „Safari III“, Porto 1987

In den Collaborations verlagerte sich mein Interesse schließlich auf die soziale Dimension der Bildentstehung. Dort entstanden die Fotografien aus Gesprächen, gemeinsamen Handlungen und symbolischen Interventionen mit Künstlerinnen und Künstlern meiner Generation. Rückblickend begreife ich diese Arbeiten nicht nur als Porträts, sondern als Dokumente eines Kommunikationsraums, der heute weitgehend verschwunden ist. Sie bewahren weniger einzelne Personen als eine Form künstlerischer Begegnung.

                                                 

Vostell /Reusse aus  „Collaborations“, Berlin 1986

Erst viele Jahre später begegnete ich den Überlegungen von Jan Assmann zum kulturellen Gedächtnis. Seine Beschreibung von Erinnerung als einem fortwährenden kulturellen Prozess, der durch Bilder, Rituale und symbolische Handlungen immer wieder neu aktualisiert wird, kam meinem eigenen Verständnis überraschend nahe. Ich hatte diese Theorie damals nicht gekannt, erkannte jedoch darin vieles wieder, was mich bereits seit Beginn meiner künstlerischen Arbeit beschäftigt hatte.

Heute würde ich sagen, dass mich nie allein die Entstehung eines Bildes interessiert hat. Mich interessierte vielmehr, wie Bilder Erinnerung erzeugen und wie sie Teil eines kulturellen Gedächtnisses werden. Chemische Prozesse, Performances oder spätere Kollaborationen waren für mich unterschiedliche Wege, diesen Prozess sichtbar zu machen.

Vielleicht verbindet gerade diese Fragestellung alle meine Arbeiten: Sie untersuchen nicht das Bild als fertiges Objekt, sondern die Bedingungen, unter denen Bilder Bedeutung gewinnen, Geschichte schreiben und schließlich Teil unseres gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses werden.

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