Text: Stephan Reusse, Köln, April 2024
60 Minutes / Wolves
Vielleicht suche ich das Bild genau an diesem Punkt – dort, wo Anwesenheit beginnt, zur Spur zu werden.
Dieser Gedanke begleitet meine Arbeit seit vielen Jahren.
Mich interessiert das Bild nicht als Darstellung eines Ereignisses, sondern als der Moment, in dem das Ereignis beginnt, zur Erinnerung, zur Spur oder zur Wahrnehmung zu werden.
60 Minutes / Wolves beschreibt einen Zeitraum.
Nicht die Dauer einer Handlung, sondern die Zeit, in der sich Anwesenheit langsam in Spur verwandelt. Die sechzig Minuten umfassen den gesamten Verlauf der Arbeit: die Anwesenheit eines Menschen, sein Verschwinden, das Fortbestehen seiner Wärmespur und schließlich das Erscheinen der Wölfe. Nicht einzelne Ereignisse stehen nebeneinander, sondern unterschiedliche Zeitlichkeiten überlagern sich.
Ein Mensch sitzt auf einer Steinbank und verlässt den Ort.
Für unser Auge scheint damit alles beendet.
Und doch bleibt etwas zurück.
Nicht als Erinnerung im psychologischen Sinn, sondern als eine leise physische Gegenwart. Wärme verschwindet nicht im selben Augenblick, in dem ein Körper einen Ort verlässt. Sie löst sich langsam vom Körper und geht in den Raum über. Für kurze Zeit trägt der Ort noch die Spur dessen, was bereits vergangen ist.
Vielleicht beginnt das Bild genau dort.
Nicht mit dem Menschen.
Sondern mit seinem Verschwinden.
Mich interessiert dieser Übergang.
Nicht der Augenblick des Geschehens, sondern die Zeit, mit der die Welt auf dieses Geschehen antwortet.
Die Wand wird zu einer empfindlichen Oberfläche. Sie speichert nichts und bewahrt doch für einen kurzen Moment etwas, das unserem Blick gewöhnlich entgeht. Es ist, als würde der Raum selbst noch zögern, die Anwesenheit wieder freizugeben.
Die Wölfe erscheinen innerhalb dieses Zeitraums.
Sie treten nicht an die Stelle des Menschen.
Vielleicht lesen sie nur noch, was von ihm geblieben ist.
Der Mensch hat den Ort verlassen. Für ihn endet das Ereignis in diesem Augenblick.
Für den Wolf beginnt es möglicherweise erst.
Er bewegt sich durch eine Landschaft aus Gerüchen, Fährten und anderen kaum wahrnehmbaren Spuren. Was für uns bereits Vergangenheit geworden ist, besitzt für ihn noch Gegenwart.
Vielleicht sind die Wölfe nicht deshalb im Bild, weil sie erscheinen. Vielleicht sind sie im Bild, weil sie den Ort auf eine Weise wahrnehmen, die unseren eigenen Blick verändert.
Als ich diese Bilder betrachtete, fragte ich mich, ob die Wärmebildkamera nicht etwas Ähnliches tut.
Auch sie folgt nicht dem Sichtbaren. Sie registriert keine Oberflächen. Sie macht einen zeitlichen Rest erfahrbar – eine Anwesenheit, die bereits verschwindet und dennoch noch vorhanden ist.
Zwischen Geruch und Wärme besteht keine physikalische Verwandtschaft.
Vielleicht aber besitzen beide eine ähnliche Zeitlichkeit.
Beide bewahren für eine begrenzte Dauer die Anwesenheit dessen, was bereits fort ist.
Vielleicht beschreiben die Bilder deshalb weniger eine Begegnung zwischen Mensch und Wolf als zwei verschiedene Möglichkeiten, einen Ort zu lesen.
Der eine hinterlässt Spuren, ohne sie zu kennen.
Der andere findet sie, ohne ihren Ursprung gesehen zu haben.
Dazwischen steht die Kamera.
Nicht als Beobachter.
Vielleicht eher als ein weiteres Wahrnehmungsorgan.
Sie sieht nicht an unserer Stelle.
Sie macht etwas sichtbar, das unserem Auge gewöhnlich verborgen bleibt.
Unsere Kultur vertraut seit Jahrhunderten dem Sehen. Sichtbarkeit gilt als Voraussetzung von Erkenntnis. Vielleicht vergessen wir dabei, dass jede Form der Wahrnehmung ihre eigene Welt erschließt.
Die Thermografie erweitert das Sehen nicht einfach.
Sie lädt dazu ein, den Begriff der Wahrnehmung weiter zu denken.
Die großformatigen Bilder erscheinen deshalb weniger wie Fotografien als wie Farbfelder. Die Wand verliert ihre architektonische Funktion. Sie wird zu einer Membran, auf der Zeit für einen kurzen Augenblick sichtbar wird.
Vielleicht bewahrt jeder Ort etwas von dem, was sich in ihm ereignet hat.
Die meisten dieser Spuren bleiben für uns unsichtbar.
Nicht weil sie nicht existieren.
Sondern weil wir sie gewöhnlich nicht wahrnehmen.
60 Minutes / Wolves versucht vielleicht, diesen verborgenen Schichten für einen kurzen Augenblick eine Gestalt zu geben.
