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Stephan Reusse   Cologne 2016

Drei Sitzbilder

Haltung, Zeit und fotografische Intuition
Die drei Porträts von Rob Scholte, César und Harry Kramer verbinde ich als eine Gruppe von Sitzbildern. Scholte sitzt auf einem Koffer am Frankfurter Flughafen, César auf Wein- und Spirituosenkisten und Weihnachtsgaben, Harry Kramer auf einem Stuhl, im Bademantel, mit Beatmungsschlauch und Zigarette. Mich interessiert an diesen Bildern nicht in erster Linie das klassische Künstlerporträt. Ich versuche nicht, eine Persönlichkeit möglichst treffend abzubilden oder den Künstler über sein Werk zu definieren. Entscheidend ist für mich die Situation, die sich zwischen der dargestellten Person, dem Ort, den vorhandenen Dingen und meiner eigenen Wahrnehmung entwickelt.
Das Sitzbild ist dabei eine alte Form. Kunsthistorisch ist es häufig mit Präsenz, Status und Souveränität verbunden. In diesen drei Fotografien bleibt dieses Schema sichtbar, wird aber verschoben. Der Sitz ist kein repräsentativer Stuhl, sondern Koffer, Kiste oder einfacher Sessel. Die Personen behaupten ihren Platz, aber die Situation um sie herum ist instabil oder zumindest nicht eindeutig.
Gebhard Streicher hat im damaligen Gespräch die Porträts von Scholte, Kramer und César ausdrücklich als zusammengehörige „Sitzbilder“ bezeichnet und auf ihre kunsthistorische Tradition hingewiesen.

Meine Arbeitsweise
Bei Porträts gehe ich grundsätzlich möglichst offen in eine Situation. Ich entwickle vorher kein fertiges Bild, das ich anschließend nur noch umsetze. Natürlich gibt es Überlegungen, und manchmal nehme ich etwas mit, das möglicherweise brauchbar sein könnte. Aber ich möchte die Situation nicht vorab festlegen.
Im Gespräch mit den Porträtierten, durch den Ort, durch vorhandene Gegenstände und durch Gesten entsteht allmählich eine Bildidee. Im Münchner Kolloquium anlässlich meiner Ausstellung im Kunstverein DG habe ich meine Arbeit deshalb weniger als Persönlichkeitsfotografie denn als dialogische Bildverwirklichung beschrieben. Auch Elisabeth Hartung beschreibt die Porträts als Ergebnis eines Austauschs, bei dem Situationen ausprobiert werden, bis sich eine Bildidee herausbildet.
Ich würde diese Arbeitsweise heute als situative Inszenierung bezeichnen. Ich inszeniere, aber ich lege das Ergebnis nicht im Voraus fest.
Ich bereite also weniger ein Bild vor als die Möglichkeit, dass ein Bild entstehen kann.
Dabei spielt Intuition eine wichtige Rolle. Damit meine ich keine Vorahnung. Beim Fotografieren nehme ich häufig Konstellationen wahr, deren Bedeutung ich in diesem Moment noch nicht vollständig benennen kann. Eine Geste, ein Gegenstand oder eine räumliche Beziehung erscheint richtig, bevor ich genau weiß, weshalb.
Diese Offenheit ist für meine Porträts wesentlich.

Rob Scholte
Das Porträt von Rob Scholte entstand wenige Monate nach dem Bombenanschlag, bei dem er beide Beine verloren hatte. Das Foto hatten wir bereits vorher machen wollen. Der Anschlag lag plötzlich zwischen der ursprünglichen Verabredung und der tatsächlichen Aufnahme.
Für das Porträt hatten wir nur ungefähr eine halbe Stunde Zeit. Rob war kurz vor seinem Abflug nach Madrid. Ich hatte sicherheitshalber einen Koffer mitgebracht, aber kein fertiges Bild im Kopf. Rob erinnerte sich später selbst daran, dass Koffer und Schuhe vorhanden waren, die genaue Situation aber erst im gemeinsamen Arbeiten entstand.
Den Flughafen fand ich für diese Situation sehr stark. Alles dort hat mit Bewegung zu tun: Ankunft, Abflug, Gepäck, Mobilität. Rob sitzt mitten in diesem System.

                                                                                                                       
Rob Scholte 1997

Die Schuhe vor dem Koffer waren uns wichtig. Rob verstand sie stärker als Beine beziehungsweise Prothesen. Für mich sollten sie nicht auf diese eine Bedeutung festgelegt sein. Ich wollte die Situation offen genug halten, damit mehrere Lesarten möglich bleiben. Diese unterschiedliche Akzentsetzung haben wir bereits damals diskutiert.
Entscheidend war für mich aber die Geste.
Ich wollte Rob nicht als Opfer darstellen und auch kein Bild seiner Betroffenheit machen. Ich wollte eine große Geste, die eine Haltung zeigt, die über der konkreten Situation steht. Im damaligen Gespräch habe ich das als eine Haltung beschrieben, die „über jede Betroffenheit hinausgeht“.
Das war der zentrale Gedanke des Bildes.
Robs spätere Bemerkung „Ach, weg ist weg …“ gehört nicht zur ursprünglichen Entstehung des Bildes, sondern zu seiner späteren Reaktion darauf. Gleichzeitig sagte er, dass ihn das fertige Porträt stark getroffen und sein Selbstbild erschüttert habe.
Das Bild wurde später von vielen als ikonisch bezeichnet. Ich denke, dass diese Wirkung mit der starken Reduktion zusammenhängt. Es gibt nur wenige Elemente: Körper, Koffer, Schuhe und Geste. Die konkrete Geschichte bleibt sichtbar, aber das Bild ist nicht auf diese Geschichte beschränkt.

César Baldaccini
Das Porträt von César entstand ganz anders. Die Wein- und Spirituosenkisten sowie die Weihnachtsgeschenke standen bereits im Raum. Nach einer langen Nacht entstand relativ unmittelbar die Idee, ihn auf diese Dinge zu setzen.
Ich hatte dabei keine symbolische Absicht. Die Kisten waren keine Metapher, der Präsentkorb keine Allegorie. Die Dinge waren vorhanden, und die Situation funktionierte für mich als Bild.


César Baldaccini 1997

Gerade dieses Porträt zeigt für mich, wie fotografische Intuition arbeitet. Ich muss im Moment der Aufnahme nicht jede Bedeutung kennen, die später in einem Bild gesehen werden kann.
César starb ungefähr ein Jahr später. Zum Zeitpunkt der Aufnahme wusste ich nichts, was dem Bild eine besondere Nähe zu seinem Tod gegeben hätte. Trotzdem verändert dieses spätere Wissen heute die Wahrnehmung der Fotografie.
Das gilt besonders für die auf den Kartons sichtbare Aufschrift FRAGILE. Bei der Aufnahme war das zunächst einfach eine Beschriftung auf Verpackungsmaterial. Heute kann das Wort anders gelesen werden.
Ich würde daraus aber kein bewusstes oder prophetisches Zeichen machen. Interessanter ist für mich, dass ein fotografiertes Detail später eine Bedeutung annehmen kann, die zum Zeitpunkt der Aufnahme weder geplant noch bewusst war.
Das Bild selbst bleibt unverändert. Der Blick darauf verändert sich.

Harry Kramer
Bei Harry Kramer war die Situation dagegen unmittelbar sichtbar. Er war schwer lungenkrank. Das Porträt entstand wenige Monate vor seinem Tod. Er sitzt im Bademantel, mit Beatmungsschlauch in der Nase und einer Zigarette in der Hand.


Harry Kramer 1997

Diese Verbindung von Beatmungsschlauch und Zigarette ist drastisch, aber ich wollte das Bild nicht dramatisieren. Entscheidend war für mich Harrys Gelassenheit.
Im damaligen Gespräch habe ich die Schläuche mit schwarzem Humor als eine Art Dalí-Bart beschrieben und zugleich auf die literarische Anlage des Bildes verwiesen. Harry hatte sich intensiv mit Literatur beschäftigt, und die Situation hatte für mich etwas von Thomas Mann.
Ben Willikens bezeichnete das Bild damals als einen „inszenierten Tod“. Gleichzeitig betonte er, dass ein solches Bild ohne Harrys eigene Bereitschaft, sich auf diese Situation einzulassen, nicht hätte entstehen können.
Ich selbst sehe das Bild weniger als Darstellung des Todes. Mich interessiert stärker dieser gegenwärtige Zustand: Harry sitzt dort, raucht, hält selbst die Zigarette und bleibt vollkommen präsent.
Die körperliche Begrenzung ist sichtbar, aber sie bestimmt nicht allein das Bild.

Haltung und Distanz
Der Begriff Haltung verbindet für mich die drei Fotografien.
Haltung bedeutet zunächst die körperliche Pose. Gleichzeitig bezeichnet sie die Art, wie jemand mit einer Situation umgeht.
Bei Scholte ist es die große Geste nach einem irreversiblen Ereignis. Bei Kramer ist es die Gelassenheit innerhalb einer körperlich extremen Situation. Bei César ist es die selbstverständliche Präsenz in einer zunächst beiläufigen Konstellation, deren Bedeutung sich erst später verändert hat.
Mich interessiert dabei nicht, eine endgültige Aussage darüber zu machen, wer diese Menschen sind. Ich versuche, eine Situation zu schaffen oder zu erkennen, in der etwas von ihrer Haltung sichtbar wird.
Dabei ist mir Distanz wichtig.
Ich habe damals gesagt, dass ich Pathos bewusst ausklammere und die Qualität von Emotion an der Qualität der bildnerischen Distanz messe. Es geht mir nicht darum, Betroffenheit herzustellen, sondern Denk- und Haltungsstrukturen sichtbar zu machen.
Distanz bedeutet für mich keine Emotionslosigkeit. Sie verhindert, dass Krankheit, Verletzung oder Tod zum Effekt werden.
Elisabeth Hartung hat das bei Scholte und Kramer sehr genau beschrieben: Die Bilder verschweigen weder Unfall noch Beatmungsgerät, setzen die Porträtierten aber nicht der Sensationslust des Betrachters aus.

Zeit
Heute sehe ich auch eine unterschiedliche zeitliche Struktur in diesen drei Bildern.
Bei Rob Scholte liegt das entscheidende Ereignis bereits hinter der Aufnahme.
Bei Harry Kramer ist die körperliche Grenze im Moment der Aufnahme unmittelbar gegenwärtig.
Bei César kommt ein Teil unseres heutigen Wissens erst nach dem Bild hinzu und verändert seine Lesbarkeit.
Georg Christoph Tholen sprach im damaligen Gespräch über meine Arbeiten von „singulären Momenten des Übergangs“ und von „Rissen im Zeitgefüge“. Dieser Gedanke ist für diese drei Porträts sehr treffend.
Ich sehe sie deshalb nicht als eine Serie über den Tod. Der Tod spielt bei allen drei Bildern auf unterschiedliche Weise eine Rolle, aber er ist nicht ihr gemeinsamer Gegenstand.
Gemeinsam ist ihnen für mich das Verhältnis von Haltung, Zeit und fotografischer Wahrnehmung.
Fotografie hält einen bestimmten Augenblick fest, aber die Bedeutung dieses Augenblicks bleibt nicht stehen. Biografien setzen sich fort, Wissen verändert sich, und Details werden später anders wahrgenommen.
Das gehört für mich zur fotografischen Intuition: eine Situation ernst zu nehmen, ohne bereits alles über sie wissen zu müssen.
Ich möchte deshalb beim Fotografieren nicht zu viel festlegen. Ich brauche eine gewisse Vorbereitung, aber ebenso wichtig ist die Bereitschaft, die eigene Vorstellung wieder aufzugeben.
Das Bild entsteht für mich dort, wo Wahrnehmung, Situation und Reaktion zusammenkommen.
Ich muss es nicht vorher kennen.
Ich muss erkennen, wann es da ist.

SR. 2016

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