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Stephan Reusse    Köln Juli 2026

Der leere Ort

Vielleicht beginnt jede Arbeit dort.

Nicht mit einer Idee.

Nicht mit einem Bild.

Sondern mit einer Stelle, an der etwas fehlt.

Erst später bemerke ich, dass das Fehlende den Blick verändert.

Ein Gemälde wird von der Wand genommen.

Die Wand bleibt.

Ich sehe sie an.

Zunächst sehe ich nichts.

Vielleicht, weil ich nach einem Bild suche.

Erst der thermografische Blick verändert etwas.

Nicht die Wand.

Meinen Blick.

Plötzlich erscheint dort eine feine Differenz.

Kaum mehr als eine Ahnung.

Sie ist nicht gezeichnet.

Nicht gemalt.

Nicht fotografiert.

Sie ist einfach da.

Für kurze Zeit.

Dann verschwindet auch sie.

Ich könnte sagen, die Thermografie macht sichtbar, was dem Auge verborgen bleibt.

Lange hätte ich genau das gesagt.

Heute genügt mir dieser Satz nicht mehr.

Denn sichtbar wird nicht nur eine Temperatur.

Sichtbar wird ein Zögern.

Etwas ist fort.

Und doch nicht ganz.

Vielleicht beginnt mein Interesse genau dort.

Nicht bei der Wärme.

Nicht bei ihrer Messbarkeit.

Sondern in diesem Zögern.

Während ich diese Bilder betrachte, bemerke ich etwas Merkwürdiges.

Ich beginne zu erinnern.

Nicht absichtlich.

Die Erinnerung stellt sich ein.

Sie kommt leise.

Fast so, als hätte sie die ganze Zeit neben dem Bild gestanden.

Ein Name taucht auf.

Rothko.

Ich wundere mich darüber.

Nicht weil die Bilder ihm gleichen.

Sondern weil ich ihn erkenne, obwohl er nicht da ist.

Von diesem Augenblick an verändert sich die Arbeit.

Nicht das Bild.

Mein Blick auf das Bild.

Bis dahin glaubte ich, die Thermografie zeige etwas, das sich messen lässt.

Jetzt frage ich mich, ob sie nicht etwas ganz anderes freilegt.

Nicht Wärme.

Erinnerung.

Vielleicht sehen wir niemals nur mit den Augen.

Vielleicht sehen wir mit allen Bildern, die wir je gesehen haben.

Dann wäre jedes Sehen zugleich ein Erinnern.

Und jedes Erinnern eine neue Form des Sehens.

Ich lasse diesen Gedanken liegen.

Wie man einen Stein auf einem Weg liegen lässt.

Nicht um ihn zu erklären.

Sondern um später an ihn zurückzukehren.

Erst viel später begegne ich Aby Warburg.

Noch später Jan Assmann.

Es ist eine eigentümliche Erfahrung.

Nicht ihre Gedanken führen mich zu meinen Bildern.

Meine Bilder führen mich zu ihren Gedanken.

Vielleicht gehen Fragen ihren eigenen Weg.

Vielleicht suchen sie sich ihre Gesprächspartner selbst.

Seitdem sehe ich auch die Wand anders.

Sie ist nicht leer.

Sie ist still.

Vielleicht besteht darin ein Unterschied.

Die Leere bezeichnet einen Mangel.

Die Stille eine Möglichkeit.

Die Wand wartet nicht.

Sie hält nichts fest.

Und doch geschieht etwas.

Für kurze Zeit.

So kurz, dass man leicht daran vorbeisieht.

Mich beschäftigt inzwischen weniger das, was die Thermografie zeigt.

Mich beschäftigt das, was sie auslöst.

Sie verändert die Richtung des Sehens.

Nicht nach außen.

Nach innen.

Vielleicht entsteht das Bild überhaupt erst dort.

Nicht auf der Wand.

Nicht in der Kamera.

Zwischen dem, was ich sehe,

und dem,

was in mir antwortet.

Ich merke, dass ich immer wieder an denselben Ort zurückkehre.

An die leere Wand.

An den Augenblick danach.

Vielleicht beginnt jede Arbeit dort.

An einem Ort,

der nicht leer ist,

sondern offen.

Lange hatte ich kein Wort dafür.

Heute denke ich manchmal an das Wort

Spur.

Nicht als Begriff.

Eher als etwas,

das sich dem Verschwinden widersetzt.

Vielleicht hinterlassen Bilder ihre wichtigste Spur nicht auf der Wand.

Sondern in der Art,

wie sie unseren Blick verändern.

 

Rothk.0  #13.4, thermogr. Aufnahme, 2023

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