Stephan Reusse Köln Juli 2025
Der leere Ort
Wenn ich heute auf Rothk.0 blicke, scheint mir der Ausgangspunkt der Arbeiten an einem leeren Ort zu liegen. Bei ihrer Entstehung hätte ich es vermutlich nicht so genannt.
Am Anfang stand eine einfache Beobachtung: Ein Gemälde war von einer Museumswand abgenommen worden. Für das Auge hatte sich wenig verändert. Erst der thermografische Blick machte sichtbar, dass auf der Wand eine geringe Temperaturdifferenz zurückgeblieben war. Sie bestand nur für kurze Zeit, bevor sie sich wieder ihrer Umgebung anglich.
Nach vielen Jahren der Arbeit mit Thermografie war das Sichtbarmachen solcher Temperaturunterschiede für mich nichts Neues.
Bei Rothk.0 interessierte mich zunehmend etwas anderes. Beim Betrachten der Aufnahmen erkannte ich in den thermischen Feldern eine mir vertraute Bildform. Irgendwann tauchte der Name Rothko auf. Es ging dabei nicht um ein bestimmtes Gemälde, eine konkrete Komposition oder die Farbe seiner Bilder. Entscheidend war der Vorgang des Wiedererkennens.
Die Kamera hatte eine Temperaturdifferenz registriert. Ich begann darin ein Bild zu erkennen, das dort materiell nicht vorhanden war. Bei der Entstehung der Arbeiten habe ich diese beiden Vorgänge zunächst nicht miteinander verbunden. Inzwischen sehe ich darin zwei Ebenen derselben Erfahrung: Auf der Wand war für kurze Zeit eine messbare Veränderung vorhanden. Im Sehen entstand die Erinnerung an ein Bild.
Dazwischen entstand ein neues Bild.

Rothk.0 FineArt Print hinter Acrylglas (matt) 180x150cm
Damit verschob sich auch eine Frage, die meine Arbeit mit Thermografien lange begleitet hat. Es ging nicht mehr nur darum, was sichtbar gemacht werden kann, sondern zunehmend darum, was wir sehen, wenn wir ein Bild betrachten.
Sehen ist nicht voraussetzungslos. Wir betrachten Bilder vor dem Hintergrund anderer Bilder, die wir bereits kennen. Manche erinnern wir bewusst, andere sind Teil unserer visuellen Erfahrung geworden, ohne dass wir noch wissen, wann oder wo wir ihnen begegnet sind.
Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Aspekt von Rothk.0. Nicht die thermografische Aufnahme erinnert an Rothko. Ich erinnere.
Diese Unterscheidung verlagert das Bild von der Aufnahme in den Vorgang des Betrachtens. Die thermografische Aufnahme stellt etwas zur Verfügung. Was daraus als Bild entsteht, hängt auch von dem ab, was der Betrachter mitbringt.
Dadurch verändert sich auch die Bedeutung der Wand. Nachdem ein Gemälde entfernt wurde, bewahrt sie für kurze Zeit die physikalischen Folgen seiner Anwesenheit. Gleichzeitig wird sie zu einem Ort, an dem Abwesenheit wahrnehmbar wird.
Das Gemälde selbst ist nicht mehr da. Auch die Thermografie stellt es nicht wieder her. Sie zeigt lediglich, dass seine Anwesenheit eine Veränderung hinterlassen hat.
Ähnlich verhält es sich mit Erinnerung. Sie reproduziert Vergangenes nicht unverändert, sondern verbindet es mit der Gegenwart. Das wurde mir im weiteren Nachdenken über die Arbeiten zunehmend wichtig.
Dabei geht es nicht nur um persönliche Erinnerung. Bestimmte Bilder und Bildformen werden durch wiederholtes Sehen Teil unserer visuellen Erfahrung. Sie beeinflussen, wie wir andere Bilder wahrnehmen, auch wenn wir sie nicht bewusst aufrufen.
Bei Rothk.0 treffen deshalb zwei unterschiedliche Vorgänge aufeinander: Auf der Wand befindet sich eine messbare thermische Veränderung. Im Betrachter entsteht eine bildliche Erinnerung.
Das eine befindet sich auf der Wand, das andere im Sehen.
Mich interessiert deshalb weniger die formale Nähe der Arbeiten zu Rothko als die Frage, wie diese Nähe überhaupt entsteht. Wie wenig ist notwendig, damit wir ein Bild erkennen? Eine Fläche, eine Differenz, ein Verhältnis von Formen können bereits genügen.
Der Rest entsteht im Sehen.
Auch der Titel Rothk.0 hat für mich dadurch eine weitere Bedeutung bekommen. Die Null bezeichnet weniger eine Auslöschung als einen offenen Zustand. Das Gemälde ist nicht mehr da, der Ort ist frei geworden, und etwas anderes kann entstehen.
Darin liegt für mich die Bedeutung des leeren Ortes. Bei der Entstehung der Arbeiten war dieser Ort zunächst konkret: die Wand nach dem Abnehmen eines Bildes. Inzwischen verstehe ich ihn auch als einen offenen Zustand, der Ausgangspunkt einer künstlerischen Arbeit sein kann.
Wenn ich für das, was auf der Wand und im Sehen zurückbleibt, einen Begriff suche, komme ich zur Spur.
Bei der Entstehung der Arbeiten hätte ich sie nicht von diesem Begriff aus gedacht. Heute erscheint er mir angemessen. Nicht als Beweis oder Ersatz für das verschwundene Bild, sondern als Folge einer Anwesenheit. Auf der Wand ist diese Spur nur für kurze Zeit messbar. Im Sehen kann sie wesentlich länger bestehen. Der leere Ort ist damit nicht wirklich leer. Er enthält die Voraussetzung dafür, dass etwas anderes sichtbar werden kann.
S.R. 2025