Stephan Reusse Köln Juli 2025
Der leere Ort
Vielleicht beginnt jede Arbeit dort.
Nicht mit einer Idee.
Nicht mit einem Bild.
Sondern mit einer Stelle, an der etwas fehlt.
Ein Gemälde wird von der Wand genommen.
Die Wand bleibt.
Ich sehe sie an.
Zunächst sehe ich nichts. Ich kenne diesen Zustand. Der Blick sucht nach etwas, woran er sich halten kann, und findet nur eine leere Fläche.
Erst die Thermografie verändert etwas.
Auf der Wand erscheint eine feine Differenz. Kaum mehr als eine Ahnung. Sie ist nicht gezeichnet, nicht gemalt, nicht fotografiert. Sie ist einfach da.
Für kurze Zeit.
Dann verschwindet auch sie.
Lange hätte ich gesagt, die Thermografie mache sichtbar, was dem Auge verborgen bleibt. Heute genügt mir dieser Satz nicht mehr. Denn was mich an dieser Wand beschäftigt, ist weniger das, was sichtbar wird, als die Erfahrung, dass etwas fehlen und dennoch gegenwärtig sein kann.
Die Wand ist leer, aber sie ist nicht ohne Geschichte.
Dort war etwas.
Ich muss nicht wissen, was es war. Die Spur erzählt mir nichts über das Bild, das an dieser Stelle hing. Sie beschreibt weder seine Farben noch seine Form. Sie gibt mir keine Information, die mir helfen würde, es zu rekonstruieren.
Und trotzdem verändert sie den Ort.
Während ich diese Bilder betrachte, taucht ein Name auf.
Rothko.
Ich wundere mich darüber.
Nicht weil die Bilder Rothko gleichen. Auch nicht, weil ich bewusst nach einer kunsthistorischen Verbindung gesucht hätte. Der Name ist einfach da. Mit ihm kommen andere Bilder, andere Räume, andere Erfahrungen des Sehens.
In diesem Moment begreife ich, dass die leere Wand nicht nur etwas vor mir auslöst. Sie berührt etwas, das längst in mir vorhanden ist.
Das verändert die Arbeit.
Die Thermografie zeigt weiterhin eine Temperaturdifferenz. Aber das ist nicht mehr das Entscheidende. Entscheidend ist, was durch diese kaum sichtbare Differenz in Bewegung gerät.
Ein Bild, das nicht mehr da ist, ruft andere Bilder hervor.
Die Leere beginnt sich zu füllen, ohne dass etwas hinzugefügt wird.
Seitdem sehe ich auch die Wand anders.
Sie ist nicht leer.
Sie ist still.
Darin liegt für mich ein Unterschied.
Leere bezeichnet einen Mangel. Stille lässt etwas offen.
Die Wand wartet nicht. Sie bewahrt nichts für mich auf. Die Wärme wird verschwinden, ganz gleich, ob ich sie wahrnehme oder nicht.
Aber für einen kurzen Augenblick entsteht eine Öffnung.

Rothk.0 #13.4, thermogr. Aufnahme, 2023
Mich fasziniert genau dieser Augenblick.
Nicht die Erklärung dessen, was dort gewesen ist.
Nicht die Rekonstruktion eines verlorenen Bildes.
Sondern die Erfahrung, dass Abwesenheit einen Ort verändern kann.
Ich kehre immer wieder zu dieser Wand zurück.
Zu dem Augenblick danach.
Zu einer Fläche, von der etwas entfernt wurde und die gerade dadurch eine eigene Gegenwart erhält.
Lange hatte ich kein Wort dafür.
Heute denke ich manchmal an das Wort Spur.
Nicht als Begriff. Eher als etwas, das bleibt, ohne bleiben zu wollen.
Und vielleicht beginnt eine Arbeit tatsächlich dort:
an einem Ort, der nicht leer ist,
sondern offen.
S.R. 2025