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Stephan Reusse, Köln 2024

Wahrnehmung eines Zeitkontinuums 

60 Minuten / Wölfe

Wölfe bewegen sich in einer Welt, deren Wahrnehmung weit über den sichtbaren Augenblick hinausreicht. Eine Landschaft besteht für sie nicht nur aus dem, was sich in diesem Moment darin befindet. Gerüche und Spuren erzählen von Tieren und Menschen, die einen Ort bereits verlassen haben, von Bewegungen, die Stunden zuvor stattgefunden haben, von Richtungen und Distanzen. Der gegenwärtige Raum enthält so immer auch Informationen über seine Vergangenheit.

Darin liegt eine andere Erfahrung von Zeit. Während die menschliche Wahrnehmung stark auf das unmittelbar Sichtbare und damit auf den gegenwärtigen Moment ausgerichtet ist, erschließt der Geruchssinn des Wolfes eine zeitlich geschichtete Wirklichkeit. Eine Spur gehört der Vergangenheit an und ist dennoch gegenwärtig. Sie kann aufgenommen, verfolgt und mit anderen Spuren in Beziehung gesetzt werden. Vergangenheit und Gegenwart existieren nicht getrennt voneinander, sondern gehen ineinander über.

Der Wolf folgt somit nicht nur einer Spur durch den Raum, sondern zugleich einer Spur durch die Zeit. Jeder Geruch besitzt eine Dauer. Er entsteht, verändert sich, verteilt sich und verliert allmählich seine Intensität. Gerade diese Veränderung enthält Information. Die Landschaft wird zu einem Geflecht unterschiedlicher Zeiten, in dem ältere und jüngere Ereignisse nebeneinander vorhanden sein können. Was für das menschliche Auge leer oder ereignislos erscheint, kann für den Wolf von vergangenen Bewegungen und Begegnungen erfüllt sein.


Wolves 2024   (thermogr. Aufn.)

In den beiden Fotografien wird dieses Verhältnis konkret. Auf der ersten Aufnahme sitzt ein Mann auf einer zerbrochenen Steinbank vor der aufgeheizten Außenwand eines Gebäudes. In der Thermografie löst sich die Wand von ihrer rein architektonischen Funktion und erscheint fast wie eine großflächige, monochrome Malerei. In der später entstandenen Aufnahme ist der Mann verschwunden; Wölfe untersuchen denselben Ort und nehmen am Boden Spuren auf. Die Kamera verbindet diese beiden Momente visuell, während die Wahrnehmung der Wölfe eine andere, unsichtbare Verbindung zwischen ihnen herstellt.

Die Bilder lassen sich aus dieser Perspektive als Annäherung an eine Wahrnehmung verstehen, in der Zeit nicht aus voneinander isolierten Augenblicken besteht. Sie erscheint vielmehr als Kontinuum. Ein Ereignis endet nicht vollständig mit dem Verschwinden seines Verursachers, sondern setzt sich in seinen Spuren fort. Der gegenwärtige Augenblick trägt etwas von dem in sich, was ihm vorausgegangen ist.

Damit berühren die Arbeiten zugleich eine grundlegende Eigenschaft der Fotografie. Auch eine Fotografie verbindet unterschiedliche Zeiten miteinander. Sie entsteht in einem bestimmten Moment, wird jedoch immer in einem späteren Moment betrachtet. Was auf ihr gegenwärtig erscheint, gehört bereits der Vergangenheit an. In der Begegnung mit der Wahrnehmungswelt der Wölfe erhält diese fotografische Zeitlichkeit eine weitere Dimension: Die Vergangenheit ist nicht nur als Bild bewahrt, sondern wird als etwas gedacht, das weiterhin durch die Gegenwart hindurchwirkt.

Die Wölfe werden so zu Lesern einer zeitlich geschichteten Landschaft. Ihre Wahrnehmung verbindet das Jetzt mit dem, was zuvor geschehen ist. Zeit erscheint nicht als Linie aus abgeschlossenen Momenten, sondern als fortdauernde Überlagerung von Spuren. Vergangenheit ist darin nicht das, was verschwunden ist. Sie ist Teil der Gegenwart – schwächer werdend, sich verändernd, aber weiterhin wahrnehmbar.

S.R. 2024

 

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