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Stephan Reusse, Köln 2024

60 Minuten / Wölfe

60 Minutes / Wolves  beschreibt einen Zeitraum.
Sechzig Minuten.
Innerhalb dieser Zeit sitzt ein Mensch auf einer Steinbank. Er verlässt den Ort. Seine Körperwärme bleibt für eine Weile zurück. Später erscheinen Wölfe.
Diese Ereignisse folgen aufeinander.
Aber sie gehören nicht derselben Zeit an.
Für den Menschen endet die Situation mit seinem Fortgehen. Für unser Auge ist der Ort danach leer. Die Handlung scheint abgeschlossen.
Die Aufnahmen erzählen von einer anderen Zeit.
Wärme hält sich nicht an den Augenblick des Verschwindens. Sie löst sich langsam vom Körper, geht auf die Umgebung über und verliert erst nach und nach ihre Intensität.
Der Körper ist fort.
Seine Wärme noch nicht.
Mich interessiert an dieser Arbeit genau diese Verzögerung.
Nicht der entscheidende Augenblick, sondern die Zeit danach.
Die Welt reagiert langsamer als das Ereignis.
Die Steinbank, die Wand, der Boden werden zu Trägern einer vergangenen Berührung.
Es ist, als würden sie sich für einen Moment erinnern.
Dadurch entsteht eine Zeit, die unserem Auge normalerweise verschlossen bleibt.
Dann kommen die Wölfe.
Mit ihnen verändert sich die Arbeit.
Ein Wolf nimmt einen Ort anders wahr als ein Mensch. Für ihn ist das, was wir als leere Fläche betrachten, nicht notwendig leer. Gerüche und Fährten können noch gegenwärtig sein, wenn ihr Ursprung längst verschwunden ist.
Was für uns Vergangenheit ist, kann für ein anderes Wahrnehmungswesen noch Information sein.
Der Mensch war hier.
Der Wolf war nicht dabei.
Und dennoch kann er etwas von dessen Anwesenheit wahrnehmen.
Mich fasziniert diese Verschiebung.
Nicht weil Geruch und Wärme dasselbe wären. Physikalisch haben sie nichts miteinander zu tun.
Aber beide besitzen eine Dauer.
Sie enden nicht in demselben Moment wie das Ereignis, das sie hervorgebracht hat.
Die Wölfe kommen später an diesen Ort. Indem sie einer Geruchsspur folgen, verbinden sie sich mit einem Ereignis, das vor ihrer Ankunft liegt.
Die sechzig Minuten verlaufen dadurch nicht einfach von einem Anfang zu einem Ende.
Mit dem Erscheinen der Wölfe öffnet sich die Zeit noch einmal rückwärts.
Mit ihnen schließt sich der zeitliche Bogen der Arbeit


Wolves 2024   (thermogr. Aufn.)

Das Vergangene wird nicht wiederholt – aber für einen Augenblick wieder gegenwärtig.
Dadurch begegnen sich in 60 Minutes / Wolves verschiedene Zeiten.
Die Zeit des Menschen.
Die Zeit der Wärme.
Die Zeit des Wolfes.
Und die Zeit der Kamera.
Die Wärmebildkamera nimmt dabei eine merkwürdige Position ein.
Sie beobachtet nicht einfach, was auch wir sehen könnten. Sie registriert eine andere Eigenschaft des Ortes. Dadurch entsteht ein Bild, das unserer alltäglichen Wahrnehmung fremd ist und dennoch auf etwas Reales verweist.
In gewisser Weise steht die Kamera zwischen Mensch und Wolf.
Nicht weil sie wahrnimmt wie ein Tier.
Sondern weil sie daran erinnert, dass unser menschliches Sehen nur eine Möglichkeit unter anderen ist, einen Ort zu erfahren.
Der Wolf liest Gerüche.
Die Kamera registriert Wärme.
Wir betrachten ein Bild.
Keiner dieser Zugänge besitzt den ganzen Ort.
Jeder erschließt eine andere Wirklichkeit.
Die sechzig Minuten sind deshalb für mich nicht einfach die Dauer der Arbeit.
Sie sind ihr Material.
Erst durch diese Dauer können die unterschiedlichen Zeitlichkeiten überhaupt aufeinandertreffen.
Der Mensch geht.
Die Wärme nimmt ab.
Die Wölfe erscheinen.
Die Kamera registriert.
Und wir sehen später alles gleichzeitig in einem Bild.
Das ist das Merkwürdige an Fotografie.
Sie kann Vorgänge, die nacheinander stattgefunden haben, in eine Gegenwart bringen.
Bei 60 Minutes / Wolves interessiert mich deshalb weniger die Frage, was bleibt.
Mich interessiert, wie lange etwas gegenwärtig sein kann, nachdem sein Ursprung bereits verschwunden ist.
Sechzig Minuten sind eine genaue Zeit.
Und zugleich ein Raum, in dem verschiedene Welten einander für einen Augenblick berühren.

S.R. 2024

 

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