Birgit Kullmer Bonn Juli 2026
Piss Flowers von Stephan Reusse:
Die Fotografie von Blumen gehört zu den ältesten und zugleich symbolisch aufgeladenen Bild Themen der Fotografie. Auch Stephan Reusses Piss Flowers (1985/2017) stehen in dieser Tradition, die seit der Pionierzeit zwischen Systematik und Erotik, Naturbeobachtung und Materialstudie oszilliert. Schönheit und Vergänglichkeit, Liebe und Tod – kein Lebewesen findet in der Symbolik häufiger Verwendung als die Blume.

Poppy 2017
In einem chemischen Reaktivierung Prozess wird das Silber der Fotografie zunächst in ein unsichtbares Halogensilber überführt und anschließend bei Tageslicht als Natriumsilberbild mithilfe von Harn reaktiviert. Dieses Verfahren transformiert die Fotografie durch einen malerischen Gestus des Auswaschens teils performative, teils prozessual.
Blumen erscheinen hier nicht nur als dekoratives Motiv, sondern als Träger des Vanitas-Gedankens – zwischen aufblühen, Vergehen und dem Sichtbarmmachen des Unsichtbaren. Reusse nimmt mit seinen Poppies Bezug auf Andy Warhols Oxidation Paintings, die zwischen 1977 und 1978 durch urinieren oder das gezielte Gießen von Urin auf mit Kupferfarbe bestrichen Leinwände durch Oxidationsprozesse entstanden sind und verknüpft sie mit Warhols Flowers, die als Reproduktion einer Fotografie von Hibiskusblüten aus dem Magazin Modern Photography im Siebdruckverfahren umgesetzt wurden. Reusses Poppies befragen die Fotografie im Reflex auf die Pop Art als chemisch – technisches Verfahren, das in performativen und relationalen Prozessen Bedeutung erzeugt und Übergänge zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit eröffnet.

Pissflores / Flores Do Paul 1985-1987