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Ulrike Kremeier

Wölfe

Unschärfen, Licht und betonte Farbigkeit sind auch stilistische Merkmale im fotografischen Werk von Stephan Reusse. In seinen “Thermovisionen”, die auf Thermografien basieren, also der Sichtbarmachung von Wärmestrahlung, wird der dargestellte Gegenstand bzw. das Lebewesen schon allein durch die Aufnahmetechnik stark abstrahiert. Die dargestellten Lebewesen – hier zeigt Reusse Wölfe – sind Spuren ihrer selbst, wie flüchtige Schatten, die sich im nächsten Moment auflösen. Die Thermografie macht unsichtbares sichtbar. Die Wölfe hat Reusse selbst bei Nacht aufgenommen, der Thermograf macht die scheuen Tiere in der Dunkelheit sichtbar. Und mit dieser Technik erschließt Reusse ein neues Terrain in der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie. Er setzt diese Technik künstlerisch-malerisch um: Denn der bewusste Verzicht auf Tiefenschärfe, auf Raumgliederung und Farbdifferenzierung abstrahiert das Dargestellte.

Der Wolf wird in einen undefinierbaren Raum gesetzt, ein Raum ohne Vorder- und Hintergrund, ohne Tiefenwirkung. Er schwebt in einem nahezu monochromen Raum, dessen rotbraune Farbigkeit Wärme, Harmonie, Behaglichkeit, Erdverbundenheit ausstrahlt.

Die Lichtgestalt des Wolfes und seine unscharfen Konturen entschärfen das gefährliche Tier im wörtlichen Sinne. Er wird so zu einer Art mythischen Figur, zu einem Märchen – oder Fabelwesen. Oder mehr noch: er wird zu einer Erinnerung die lichtartig in unseren Gedanken aufblitzt, um sogleich wieder zu verschwinden. In seiner entkörperlichten, immateriellen Gestalt wird der Wolf zu einer gedachten Figur. Reusse sagt zu seiner Technik: “Die Thermovision ist eine Fotografie physischer Abwesenheit. Die Zeit der Körper dient als Spur ihrer Projektion.” Die Darstellung wird zur Vorstellung…

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