stephan reusse
Thermovisionen
Von Harry Kramer


Den Gefesselten in Platos Höhlengleichnis sind die Schatten ihrer Gefangenschaft realer als die Realität, die diese Schatten projizierte. Wer die Bilder freisetzt, muß damit rechnen, daß sie verbrannt werden, da ihre Abbilder, weil unveränderlich, erträglicher sind als die Wechselbälge veränderlicher Realität. Plato stellt in seinem Gleichnis die Frage nach der Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung. Inzwischen ist das Verhältnis von Bild und Abbild, Realität und Fiktion, noch komplizierter geworden. Die Thermovision visualisiert den Wärmeschatten von Menschen und Gegenständen, nachdem diese den Schauplatz längst verlassen haben. Sie liefert beweiskräftige Abbilder einer Realität, die uns abhanden gekommen ist. Die nicht mehr aufzufindende Vergangenheit mit Hilfe einer Infrarotkamera ins Bild zu setzen, ist deshalb nichts anderes als die Visualisierung einer Idee. Unsere Erfahrung stützt sich weitgehendst auf Wahrnehmung, auf die Vorderseite der Bilder, die Thermovision zeigt uns den Schatten eines Schattens und paßt nicht ins Bild.
´cogito ergo sum`, Descartes traute seinen Augen nicht und überließ lieber dem Denken den Nachweis der Existenz. Wenn jeder höhere Grad des Abstraktionsvermögens ein Beweis gesteigerter Erkenntnisfähigkeit ist, sind die Abbilder der Thermovision aussagekräftiger als die des sichtbaren Wellenspektrums. Der Wärmeschatten des verlorengegangenen Realen ist der Beweis für ein Ding, das überall sein kann, aber zum Zeitpunkt der Beweisaufnahme nicht da ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es der Augen bedarf, ein Bild zu begreifen. Wenn eine lichtempfindliche Platte mit wechselnden Motiven wiederholt belichtet wird, ist das Negativ irgendwann dicht, der entwickelte Abzug wird weiß, ein Foto dieser Art zeigt so viele Bilder, daß absolut nichts mehr zu sehen ist. Erklärt man einem Blinden Herstellung und Ergebnis dieses weißen Stück Papiers, wird er kaum größere Schwierigkeiten haben als diejenigen, denen Augen zu Hilfe kommen. Das Verstehen von Kunst kann auf die diskursiv verbalen Methoden der Vermittlung nicht verzichten, in unserem Fall aber durchaus auf die Bilder. Stephan Reusse versucht einen Teil der Hinweise zum optischen Sachverhalt im Bild mitzuliefern.
Die von ihm entwickelte Kryptofotografie muß zwischen Fotografie und Malerei eingeordnet werden; das heißt, da, wo sie sich als Aktion präsentiert und lesbare Produkte hinterläßt. Für diesen aktionistischen Teil seiner Arbeit verwendet Reusse historische Fotos von Blinden. Das ist etwas ungenau - gemeint sind Fotos, die Blinde zeigen. Portraits von Blinden sind, wenn sie nicht als soziale Fotografie verstanden werden, eine Umkehrung der Vernunft, da sie als Abbild nicht dem zugänglich sind, den sie darstellen. Da, wo Reusse das entwickelte Bild wegätzt und während der Aktion chemisch reaktiviert, wird das Abbild eines Abbildes zur doppelten Metapher eines blinden Portraits und eines Zustandes.
Nach dem inflationären Bilddruck ungezählter Fotoausstellungen sind Reusses weiße Bilder in Rahmen und Paspartout, die sehr wohl und ganz real Fotos sind, ein Versprechen, das unsere Sinne nicht beunruhigt und das reflektive Bewußtsein schärft. Reusse wird mit diesen Bildern einen seiner intelligentesten Kollegen, Bernh. Joh. Blume, glücklich machen, der vor dem sinnlichen Druck der großen, sinnschwachen Bilder stöhnte: “Ich will auch bei Bewußtsein bleiben, nicht bloß bei Sinnen!“ Diese Fotos haben, wie alles Abbildende, zwar ihre Unschuld verloren - als Symbol repräsentieren sie, weiß, wenn auch nicht jungfräulich, den Zustand pränatalen Lebens.