stephan reusse
Momentane Gestalten.
Von der Inkonsistenz der Zeit
Von Georg Christoph Tholen


Der Ort des Körpers löst sich auf. Seine vermeintliche Festigkeit und Dauerhaftigkeit verliert sich heute in immateriellen und virtuellen Gestalten, die bisweilen so gespenstisch scheinen wie jene digital kombinierten Bilder, die keine dingliche Unmittelbarkeit mehr bezeugen können oder wollen.
Doch die Skepsis zeitgenössischer Diagnosen über das Verschwinden der Realität hat nicht nur einen melancholischen Aspekt: Die Einsicht nämlich, daß die klassischen Zeichen fotografischer Treue zum Gegenstand trügen, setzt nunmehr vielfältige Perspektiven frei, Sichtbares aIs solches zu befragen und neu zu kon-figurieren.
Die unscharfen Ränder des Objekts heute verdanken sich einer Kunst der Auflösung, die zwar nicht mit der Entwicklung digitaler Techniken gleichzusetzen ist, aber ohne deren experimentelle Offenheit kaum möglich wäre. Diese neue Kunst bedeutet den Verlust starrer Grenzen: von Außen und Innen, von (gelebter) Vergangenheit und (simulierter) Zukunft. Der Riss des Zeitgefüges generiert einen neuen Status der Bilder. Gleichviel, ob diese fotorealistisch, fotopoetisch oder digital montiert werden oder ob sie diese Gattungsunterschiede selbst in Frage stellen - ihre Bildlichkeit bekundet nunmehr, daß Fotos keine schlichten Abbilder eines gewesenen Moments sind, sondern mit sich selbst konfligierende Vorbilder und Nachbilder eines Augenblicks, der im Nachhinein erst als bedeutsamer Einschnitt sich erweist.

So bedeutet auch der Verlust einer durch geronnene Vorbilder verfestigten und normierten Gestalt (meiner selbst) eine tastende, nomadische Offenheit für die Vorzeichen dessen, was anders sein könnte. Im Schwebezustand dieser Fluchtlinien sind wir nicht verloren, sondern gewinnen ein um vorläufige Haltepunkte oszillierendes Gespür für neue Horizonte. Dieser, wenn man so will, unentscheidbare und unverfügbare Drehpunkt verzeichnet Momente des Schocks und des Traumas. Von ihm ausgehend, erfinden wir Geschichten, Märchen und Metaphern des Übergangs: flüchtige Figuren einer stets ungesättigten Neugierde.