stephan reusse
Komische Käuze
Von Veith Loers


Obwohl das reflektive Element die Kunst des 20. Jahrhunderts kompliziert und problematisiert, tun viele so, als wäre alles beim alten geblieben. Da ist das Bild und dort ist der Betrachter. Er muß nur sehen können, und umgekehrt, er muß was zum Sehen haben. Wo es nichts zu sehen gibt, taugt auch die Kunst nichts. In Wirklichkeit sehen viele nicht, sondern reproduzieren ihr Wissen auf ihr Gegenüber. Wenn man von Vintage oder Cibachrome fachsimpelt, muß man nicht mehr auf das Künstlerische in der Kunst eingehen. Ohne Ikonographie, ohne Technik, vor allem ohne Kunstszene gibt es nicht mehr genügend Gesprächsstoff für Kritiker und manchmal auch keine Kunstsujets mehr. Was wären wir ohne die kunstimmanenten Reflexionen eines Marcel Broodthaers, eines Jasper Johns, ohne die szenebezogenen Arbeiten einer Louise Lawler, Sherry Levine oder eines Martin Kippenberger.
Die Kunstszene ist ebenso ein Sujet geworden wie früher die Landschaft oder das Historienbild. Dabei spielte für die Güte keine Rolle, ob die Landschaft erfunden, getreu kopiert oder nach Fotovorlage umgesetzt wurde. Alte Bettler mit kostbaren Stoffen und alten Helmen zu antiken Königen zu drapieren, ist nicht erst ein Kunstkniff Rembrandts gewesen. Noch Baudelaire kritisiert das moderne Publikum und die Fotografie (1859), wenn man, um tragische oder anmutige Szenen der alten Geschichte zu illuminieren, „komische Käuze beiderlei Geschlechts herausputzt und diese H e l d e n bittet, für die zu dieser Operation nötige Zeit ihre Zufallsgrimassen beizubehalten“. Man kennt Ludwig XIV., Napoleon oder Lenin nur in der Inszenierung ihres Porträts. Oder schärfer formuliert: die Inszenierung erst ermöglicht die bleibende Ikone. Was interessiert uns dieser Louis Quatorze bei der Toilette oder beim Frühstücken ohne Allongeperücke und ohne Seidenschärpe? Es bedarf eines Regisseurs, der aus dem zu Porträtierenden erst etwas macht. Was wäre Jean-Paul Belmondo ohne Jean-Luc Godard gewesen? Was Hanna Schygulla ohne Faßbinder? Manche Kunstzeitschriften sind heute dazu übergegangen, nicht mehr nur die Kunst, sondern vor allem ihr Ambiente abzubilden. Die Magazine der großen Tageszeitungen leben davon. Jetzt wissen wir, wie es bei den Baselitzens und Naumans aussieht. Es gibt zwar immer wieder sich verweigernde Einzelgänger, wie Cy Twombly oder Carl Andre, aber es schmälert nie die Kunst von Sigmar Polke, wenn sich dieser als deutscher Tourist zu erkennen gibt oder wenn Jeff Koons als Freier von Cicciolina spielt. Des einen Pose ist des anderen Kunst, müßten Mapplethorpe, Newton, Annie Leibowitz und eben auch Stephan Reusse zugeben. Erst einmal zählt der Bekanntheitsgrad des Konterfeiten, später kann auch das Pendel zu Gunsten des Autoren ausschlagen; er vereinnahmt die Person des Anderen. Moholy-Nagy´s Aufnahme des dösenden Oskar Schlemmer wird immer ein Moholy bleiben, während Tischbeins Goethe-Porträt in der Campagna ein Stück Goethe bleibt.
Als konzeptueller Fotograf machte Stephan Reusse seine ersten Schritte unter Harry Kramer an der Kasseler Kunsthochschule, wo jeder der Kunstschüler seine spezifische Rolle als Kammerjäger in den Gefilden der Kunstszene zu übernehmen lernte. Als Material diente ihm zunächst der internationale Künstlerpool der documenta. Später wurde dieser Report erzählerischer und inhaltsvoller. Wer hat schon je Jeff Koons schlafend im Bett gesehen, mit Nikolausmütze in weichen Daunen, überragt von Rokokozierrat des Luxusbettes? Oder den französichen Staatskünstler César? er thront - gelassen wie ein griechischer Philosoph - auf einem Berg von Alkoholkisten, die man ihm zu Weihnachten geschenkt hat. Rob Scholte, der bei einem Unfall beide Beine verloren hat, wird auf einen Koffer vor der Flugabfertigung gehieft, mit Schuhen davor, die er kaum je nochmals brauchen dürfte. Reusse animiert seine Künstlerkolleginnen und Kollegen zu mancherlei Verkleidung und verführt sie zu grotesken Posen. Klauke hoch über seinen Requisiten wippend, Rune Mields als Torwart, schließlich der Lehrer Harry Kramer wie eine alte Diva im weißen Morgenmantel, mit Sauerstoffschlauch an der Nase und der nicht erlöschenden Zigarette in den Fingern.
Posen sind Bilder der Verstellung. Sie erklären in der Fotografie nur dauerhaft, was Sache eines Fototermins war. Das macht auch die Essenz der Werbung aus. Die Bilder vom Milka-Schoki-Mann prägen sich besser ein, als die so mancher Staatspräsidenten. Aber wofür machen Künstler Werbung? Wenn, dann für ihre eigene Arbeit. Sie sind schicksalhaft an ihr Werk gekettet und ihre Existenz ist der Motor der sichtbaren Kunst. Im scherzhaften Simulieren und Posieren liegt die Tragik dessen, der zum festen Bestandteil seiner Kunst geworden ist. Um die sichtbar werden zu lassen, muß auch der Autor Stephan Reusse nicht nur Künstler oder gar Fotograf vom alten Schlag sein, der den Klienten bei Laune hält. Man möchte ihm gerne das Fingerspitzengefühl eines Frisörs oder die Vertrauensrolle des Hausarztes unterstellen, damit die Revue der Kunstszene im Nebeneinander künstlerischer Selbstverwirklichung aufgeht.